Hochsensibel: Segen und Fluch

avocado

Kennen Sie das?

Sie spüren, was Ihr Gegenüber braucht, weil Sie hochsensibel geboren wurden und Ihre Intuition und Empathie daher sehr viel stärker ausgeprägt ist als bei den meisten anderen Menschen.

Sie spüren auch, was Ihr Haustier von Ihnen braucht. Sie spüren es fast körperlich.
Alle unsensibel zur Welt gekommen Mitmenschen können leider gar nicht verstehen, was ich damit meine, es ist auch sehr schwer in Worte zu fassen, dieses Ahnen von Bedürfnissen.

Hochsensible Menschen sind großartige Freunde, geniale Partner und tolle Hundehalter, wenn sie sich nicht gerade in der Rückzugphase befinden. Leider bezahlen sie in all diesen Konstellationen einen sehr hohen Preis dafür. Denn in den meisten Fällen zahlen sie dabei drauf, körperlich wie auch emotional. (Manchmal auch finanziell.)

Weil sie sekundenschnell erfassen, was das Gegenüber gerade gerne hätte oder braucht, können sie genauso schnell darauf reagieren und diese Erwartungen erfüllen. Und genau das ist auch der Fluch: Wer immer gibt, wer immer versteht, wer immer den Wünschen anderer entgegenkommt, verausgabt sich und vergisst auf sich selbst. Auf seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse.

Das kann eine Weile lang gutgehen, vor allem, wenn man von Menschen umgeben ist, die diese Gabe nicht ausnutzen. Doch gerät man an den Nehmertyp sieht es eher übel aus mit der eigenen Befindlichkeit.

Man steckt zurück. Man vergisst sich selbst.

Man schaut, dass es der Freundin, dem Partner, den Kindern, der Familie, dem Hund gut geht. Und erst dann, irgendwann, viel später oder auch nie, erst wenn alle anderen schon fast perfektionistisch zufriedengestellt und bestens versorgt wurden, dann kommt man selbst. Das macht mit der Zeit nicht glücklich. Es kann sogar krank machen.

Was das mit dem Höllenhund zu tun hat? Sehr viel.
Ein Tier aus dem Tierschutz mit einer furchtbaren Vergangenheit braucht oft hundert Mal mehr Einfühlungsvermögen, tausend Mal mehr Zuwendung, hat meist krankheitsbedingt spezielle Bedürfnisse und bestimmte Anforderungen an den Alltag.

Das kostet Zeit, Energie, Geld und Kraft.
Mein Hund, so sehr ich ihn auch mit jeder Faser meines Herzens liebe, ist so ein Energieräuber.

Es liegt nicht nur daran, dass er in seinen Eigenheiten meinen Alltag sehr erschwert, Hundekontakte unmöglich macht und jeder Gang aus dem Haus zu einer Herausforderung wird, die es täglich neu zu meistern gilt.  Alles will geplant sein, Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf werfen ihn total aus dem Konzept.

Es liegt auch an mir und meiner Art darauf zu reagieren. Ich könnte nun sagen, es ist nur ein Hund, soll er doch machen, wie er will.
Ich aber denke: Ich will, dass er es so schön wie möglich hat. Noch schnell gucken, ob es ihm eh gut geht. Für ihn extra täglich frisch einkaufen und kochen, weil er gerne zu geregelten Zeiten frisst und natürlich nur spezielle Dinge. Noch schnell dies und das und zwei Mann (oder zwei Frau) hoch plus ein Auto, um ihn bei seinen geliebten ausgedehnten Spaziergängen zu eskortieren, ihn irgendwo in die Pampa zu kutschieren, dann das Auto putzen.

Es gibt Tage da denke ich mir: Ist es wirklich sinnvoll, sein ganzes Leben nach einem Hund zu richten?

Der Höllenhund erfordert einen Aufmerksamkeits- und Pflegegrad wie ein Kleinkind; er hält mich 12 Stunden am Tag auf Trab, manchmal auch nachts. Wenn ich Verwandte und Freunde frage, was sie zu dieser verqueren, ungewollten und unerwarteten Mensch-Hund-Konstellation sagen, sehen die mich an, als hätte ich einen Dachschaden. Niemand, den ich kenne, würde so auf die Bedürfnisse seines Hundes eingehen. Weder wollen noch können. Tanten und Onkeln meinten bereits des öfteren mitleidig: Bela, gib ihn doch einfach im Tierheim ab und lebe! Du wirst nicht jünger!

Das kann man sehen wie man will, aber wer mich kennt, weiß, dass es kein Zurück für mich gibt. Wer unter meinem Schutz steht, für den sorge ich, selbst wenn es sich an sehr vielen Tagen meines Lebens anfühlt, als trüge ich eine Zentnerlast auf meinen Schultern.
Niemals Urlaub, niemals eine Auszeit. Bin ich weg, frisst der Hund nicht und wartet. Mitnehmen in Lokale, Hotels oder sonst wohin auf öffentlichen Plätzen ist hochgradig stressig für den Hund und somit für uns beide völlig unmöglich.
Bin ich weg, kann niemand mit dem Hund spazieren gehen.
Ich fühle mich oft wie gefangen.

Denn es gibt keinen Ausweg, der Hund gehört zu mir. Er hat es sich nicht ausgesucht, von der Straße eingefangen, in ein Tierheim eingesperrt und an mich durch einen Verein verkauft zu werden. Ich hätte es mir aussuchen können. Ich bin der Mensch. Und ganz ehrlich: Selbst wenn mich jetzt viele hassen, ich würde es nie weder tun.

Ich würde mir keinen Hund mehr nehmen, den ich nicht wenigstens vorher persönlich gesehen habe. Und ich würde auch niemandem zu dieser Erfahrung raten, einen völlig unbekannten Hund aufzunehmen, dem sein eigener Lebensstil lieb und teuer ist.

Es kann gut gehen, ganz klar.

Nicht alle Hunde sind so marod wie meiner. Es kann aber auch schief gehen. Und was machen Sie dann? Haben Sie die Zeit, Geduld und Liebe, sich intensiv um das Tier zu kümmern? Haben Sie einen Job, der das zulässt? Bringen Sie ausreichend körperliche Belastbarkeit für extreme Situationen in allen Bereichen mit? Winter wie Sommer?

Wollen Sie das wirklich?

Und ich kann Ihnen versichern: Niemand will das wirklich. Man möchte auch gerne Freunde treffen, unter Menschen kommen, nicht ständig zwanzig Augenpaare um jede Straßenecke vorausschauen lassen müssen, um jeden Bissen buhlen, damit der Hund frisst.

Ich würde mir überhaupt keinen Hund mehr nehmen, obwohl ich sicher lange Zeit sehr traurig und einsam sein werde, wenn er einmal nicht mehr da ist.
Als hochsensibler Mensch muss ich nach all den Jahren der Sorge und Plage, (und wer keinen Höllenhund oder chronisch kranken Hund sein Eigen nennt, kann da schlichtweg nicht mitreden!), auch mal wieder auf meine Befindlichkeiten und Bedürfnisse schauen.

Mal wieder, nach sieben Jahren, ein paar Tage auf Urlaub fahren, den Strand entlang bummeln, gemeinsam in einem Kaffeehaus sitzen, der Sonne zusehen, wie sie ins Meer fällt. Keine besonderen Ansprüche, einfach relaxen und ausspannen ohne zu denken: Geht es ihm gut? Hat er wirklich alles? Was macht er gerade zu Hause, weil ich ihn nirgends mitnehmen kann? Bin ich schon zulange weg?

Viele werden jetzt lächeln oder denken, der Tierarzt spinnt. Damit kann ich leben. Ich wurde so geboren, ich kann nichts dafür, ich kann es auch nicht ändern.

Ich bin die Glucke, die meinen sind mir heilig.
Neulich wollten wir einen kleinen Ausflug machen, der Hund, die Dame des Hauses und meine Wenigkeit.
Es war kühl draußen und der Hund liebt es immer sehr, mit dem Auto mitzufahren. Manchmal möchte er gar nicht mehr aussteigen, so gut gefällt es ihm im Auto.
Wir freuten uns auf den Ausflug in die Steiermark; dort wollten wir am Bauernmarkt einkaufen, mit dem Höllentier über die Felder spazieren und gleich wieder heimfahren. Also fuhren wir entspannt mit Sack und Pack los.

Als wir auf der Autobahn waren und die ersten zwanzig Kilometer zurückgelegt hatten wurde der Hund wahnsinnig unruhig. Er konnte die Umgebung nicht einschätzen, denn er kennt alle Strecken, die wir sonst fahren und auch alle Straßenmarkierungen, ob Sie es glauben oder nicht. Weichen wir nur kurz ab von der gewohnten Strecke, reagiert er irritiert.

Wir waren ungefähr bei Baden, als er jämmerlich zu fiepen begann. Er weberte unruhig auf seiner ausgebauten gemütlichen Rücksitzbank hin und her, schaute immer wieder aus dem Fenster. Nein, er musste weder auf die Toilette noch war ihm übel oder sonst was.

Ich kenne meinen Hund, wenn er Angst hat. Und er hatte definitiv Angst.

Er hatte Angst, wir würden mit ihm wieder ins Ungewisse fahren, ihn vielleicht wieder irgendwo abschieben, ihn alleine zurücklassen. Ich bin ganz sicher, dass er so etwas in der Art dachte.
Wir schauten uns kurz an und es war klar: Nächster Exit Wiener Neustadt runter von der Autobahn und retour nach Hause. Der Hund war vor fast sieben Jahren über diese Autobahnstrecke mit einem Bus zu uns transportiert worden. War es das Geräusch der Reifen, das bei einer schnellen Fahrt über die Autobahn anders klingt oder die vorbeiziehende Umgebung, wir werden es wohl nie wissen.

Fakt ist, dass wir in dem Moment, in dem wir beschlossen hatten wieder umzudrehen, einen völlig ausgewechselten Hund an Bord hatten.

Der Höllenhund legte sich augenblicklich hin, seufzte tief und schlief durch bis wir die Stadtgrenze erreicht hatten. Dort gab es natürlich für die Unbequemlichkeit, die er durch uns hatte, eine Belohnung beim Drive-In seiner Wahl.

Lachen Sie ruhig. Es macht mir nichts aus. Hauptsache, er ist glücklich. Er muss nirgends durch. Und ich kann Brot und Eier auch im Metro einkaufen.

Herzlichst, Ihr Bela Wolf

Tierarzt, Journalist und Autor

 

 

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3 Kommentare zu „Hochsensibel: Segen und Fluch

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