Der Doktor und sein Höllenhund

Ich glaube nicht an Zufälle.
Es war daher auch sicher kein Zufall, dass ich vor einigen Tagen diese junge Frau mit dem Hund sah. Ich fuhr gerade von einem unserer täglichen Ackerspaziergänge mit meinem Hund im Auto nach Hause und da stand sie, im Wiesenstreifen ziemlich nah am Rand einer Schnellstraße in der Nähe von Wien, wo es zahlreiche freie Ackerflächen gibt.

Ich konnte ihr Gesicht unter der Kapuze gut erkennen, sie schaute sehr verzweifelt drein.
Ich kannte diesen Ausdruck in ihren Augen, weil es vor sechs Jahren auch der meine war.
Sie stand nur still da, irgendwie fügsam, verloren und in ihr Schicksal ergeben, die Kapuze und den Schal weit ins Gesicht gezogen, die Stiefel dreckig von der schlammigen Erde, während sie in der einen Hand eine Laufleine hielt, an der ein mittelgroßer Hund hing und sie mit der anderen Hand versuchte, balancierend das Gleichgewicht zu halten um nicht hinzufallen oder gar das Leinenende loszulassen. Der Hund sprang wie verrückt in alle Richtungen während sie sich mit der Leine abmühte, der eisige Sturm ihre Kapuze vom Kopf riss und zeitgleich der Schal wegsegelte, als wäre er leicht wie eine Daunenfeder.
Ich fuhr langsam an ihr und dem Hund vorbei.
Ich könnte schwören, dass sie weinte. Der Hund drehte sich wie ein Kreisel an der Leine und ich wusste, er wäre ungesichert sofort ins nächstbeste Auto gesprungen.
Warum ich all das so genau wusste, obwohl dieser Zwischenfall nicht länger als ein paar Sekunden dauerte?
Weil dort an der Schnellstraße im matschigen Erdreich meine Vergangenheit stand, besser gesagt unsere Vergangenheit.
Als mein Hund vor sechs Jahren bei mir einzog und mich lehrte, dass ich nichts weiter als ein dummer Mensch war, der, obwohl Tierarzt und jahrzehntelanger Hundehalter, keinerlei Ahnung von Angsthunden und ihren Bedürfnissen hatte, gingen wir in den ersten Monaten durch die sprichwörtliche Hölle.
Jeder Gang aus dem Haus glich einem Horrortrip.
Jeder Hund, den wir trafen, war eine Gefahr.
Jedes Auto, jedes Fahrrad, jeder Mensch, jeder Vogel, jedes Blatt, einfach alles, was sich bewegte oder Lärm machte, war plötzlich unser ganz persönlicher Feind.
Ich erinnere mich noch sehr deutlich, dass ich den Verein meiner Wahl kontaktierte um nachzufragen, was ich ihnen denn getan hätte, weil sie mir einen Werwolf schickten und keinen Hund.
Sie boten an, den Hund zurückzunehmen, was ich ihnen hoch anrechnete.
Aufgeben war aber keine Option.
Diesen Hund konnte man allerhöchstens wieder dorthin zurückschicken, wo er herkam. Zurück in die ungarische Hölle eines Tierheims, zurück in die Einzelhaft, die Kälte, die Angst.
Ich nahm es ihm nicht übel, dass er war, wie er war. Menschen hatten ihm das angetan. Allerdings beeinflusste sein verhaltensoriginelles Benehmen mein ganzes weiteres Leben. Nicht gerade zum Positiven. Jedenfalls nicht die ersten drei oder vier Jahre.
Ich sah, wie er litt.
Zur selben Zeit lief im Fernsehen, wie immer vor und nach nach Weihnachten, „Der Hundeflüsterer“ auf allen Kanälen bis zum Abwinken. Wohl um den weihnachtlichen vierbeinigen Geschenken und ihren Zweibeinern gleich einmal Alpharüden-Gesetze hardcoretechnisch und tierschutzwidrig näherzubringen, näher als sonst was.
Dabei gibt es keinen Alphawolf.
Es gibt auch keinen Alphahund. Und schon gar nicht gibt es irgendwo auf der Welt einen Menschen, der jemals auch nur annähernd etwas Ähnliches wie „Alphawolf“ seines Hundes sein kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Millans hässliche Fratze trat in mein sonst so sonniges Leben.
Und mir wurde klar: meinetwegen sollte dieser Hund lieber für immer ein Zombie bleiben, selbst wenn ich es nicht schaffen würde ihn höflich, aber bestimmt ins echte, schöne Leben zurückzuführen, aber niemals, niemals würde ich ihn mit feigen Fusstritten aus dem Hinterhalt oder mit Würgehalsbändern und Strangulationsversuchen traktieren. Niemals. Lieber selbst hinfallen. Ich konnte wieder aufstehen.
Zu diesem Zeitpunkt war ich mindestens genauso verzweifelt wie mein armer Hund.
Ich habe mir vorgenommen hier ganz ehrlich zu sein, deshalb schreibe ich schonungslos die Wahrheit, auch wenn sie keineswegs gut klingt. Aber was klingt schon gut. Gut klingen die Vier Jahreszeiten von Bach. Die Wahrheit aber hört man nicht so gern. Die Wahrheit tut weh und deshalb will man sie auch nicht sehen.
Ehrlich, ich dachte mir, ich schaffe das nicht.
Und ich hätte es auch fast nicht geschafft. Rund um mich öffnete sich der Höllenschlund der virtuellen Hundegruppen, der selbsternannten Trainer mit ihren fahrlässigen, brutalen Weisheiten, denen die Tipps der Passanten auf offener Straße nahtlos im Schweinsgalopp folgten.
(Sie müssen den Hund dominieren, so wird das nix! Fragen Sie einen Tierarzt/Trainer/Coach/Flüsterer/Heiler/Mediator/Dolmetscher/Engelsrufer!)
Vor sechs Jahren stand ich also genauso verloren irgendwo am Stadtrand auf einer der vielen Ackerflächen rund um die große Stadt, schaute verzweifelt drein und hielt dabei eine 5-Meter-Leine umklammert, an deren Ende ein tobender, ziemlich großer wolfsähnlicher Hund hing.
Manchmal trug ich dabei eisklamme, nasse Handschuhe, im Sommer holte ich mir verbrannte Handflächen während die Leine fröhlich durch meine geballten Fäuste surrte; ich fiel bei jedem gesichteten Vogel ins klebrige, dreckige Erdreich, es hob mich im Fallen aus den Schuhen, ich stolperte dem Hund hinterher während Hasen, Füchse und andere Hunde laut über uns lachten, Menschen mich anschrien, ich Menschen anschrie, der Hund sowieso alles anschrie; ich brach mir fast das Handgelenk, hebelte mir im Fallen eine Bandscheibe aus, ich fluchte, tobte und schrie laut und oft vor mich hin während der Schnee auf mich fiel, der Sturm über mein Gesicht hinwegfegte und mir die Eistränen in die Augen trieb, ich mich und die ganze Welt und gelegentlich auch diesen Hund hasste und an mir, dem Universum und dem ganzen Rest zweifelte.
Ich sah Mais, Zuckerrüben und Weizen abwechselnd gedeihen, sah Rehfamilien kommen und gehen, betrachtete tote Kaninchen und blutende Hamster sowie sehr viele ins Jenseits beförderte Wühlmäuse, die mein Hund aus der Erde zog, mit einem Wolfsbiß im Vorbeigehen erlegte um sie dann sofort achtlos auszuspucken. Ich hasste den eiskalten, peitschenden Regen in meinem Gesicht, ich hasste den Nebel und erst recht hasste und verfluchte ich Glatteis und Schnee, wurde alle zwei Wochen krank und meine Nebenhöhlen füllten sich chronisch mit Eiter. Mein Hüften waren blau und grün von den Hämatomen, die ich mir vom Hinfallen holte, meine Arme zerkratzt und in meiner Seele loderte der Zorn und glühte die Wut; die Wut über meine Unfähigkeit, mit dieser völlig ungeplanten Extremsituation auch nur annähernd fertig zu werden.
Ich war müde.
Ich hatte keine Lust mehr auf dieses Leben.
So hatte ich mir das nicht vorgestellt mit dem neuen Hund.
Die Winter waren hart.
Ich duellierte mich mit Jägern, Bauern und uneinsichtigen Hundehaltern, deren vierbeinige Meiner-Tut-eh-nixe nicht angeleint unsere ohnehin sehr entlegenen Wege irgendwo im Nirgendwo kreuzten. Ich gab es irgendwann auf, das Auto jemals wieder richtig sauber zu machen, trug statt Tweedanzügen nur noch warme, wasserdichte oder sonstwie praktische aber grottenhässliche Hosen und tauschte teure Lederschuhe gegen Gummistiefel und frostsichere, klobige Schnürstiefel aus mindestens Alaska wenn nicht noch weiter weg. In einem besonders strengen Winter kaufte ich mir Spikes für die Stiefel, ich erinnere mich genau.
Ich haderte mit dem Schicksal, oh wie ich haderte!
Ich bin nicht der Typ, der für diese Outdoorgeschichten geboren wurde. In meinen Gedanken reise ich gerne als einsamer Musher mit dem Hundeschlitten quer durch die schneebedeckten Weiten Alaskas oder ich sehe mich durch dichte Wälder streifen und Zelte im Dickicht aufbauen, die jedem Fähnlein Fieselschweif Ehre bereitet hätten. Ich sehe mich sogar als Indiana Jones furchtlos durch die Wüste reiten, auf dem Rücken edler Araberhengste dahinfliegen oder im offenen staubigen Geländewagen markig querfeldein preschen, komme was da auch immer kommen wolle.
Mit khakifarbenen Beinkleidern, deren unteres Ende mindestens fünf Taschen hat und ober dem Knie abzippbar ist habe ich es im echten Leben aber nicht so.
In Wahrheit bin ich eher der Stadttierarzt, der niedliche Kätzchen tröstet und Hunden elegant kleine Verwöhnhäppchen reicht um sie fröhlich zu stimmen, wenn sie kränkeln. Anschließend sitze ich gerne auf meinem Chesterfieldsofa, lese ein gutes Buch, blicke sinnierend ins Feuer und trinke dabei Tee mit Milch. Indoor ist mein Outdoor.
Ich bin hochsensibel, genau wie mein Hund, der zu diesem Zeitpunkt ganz dringend Hilfe brauchte.
Nur wusste ich das vor sechs Jahren leider noch nicht.
Ich wusste auch nicht, dass nicht mein Rücken weh tat, sondern die Last.
Genau wie mir damals nicht klar war, dass meinem Hund nicht der Magen weh tat, sondern das, was die Seele nicht verdaut.

Herzlichst Bela Wolf
Tierarzt, Autor, Journalist

 

 

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